Dimensionen des Selbst
Dimensionen des Selbst
„Gewinnen wir Zugang zu den verschiedenen Feldern unseres Bewusstseins und lernen, diese konstruktiv miteinander in Beziehung zu setzen, erschließt sich unser höchstes Potential: schöpferische Souveränität. Sie versetzt uns in die Lage, all unsere individuellen Anlagen und Fähigkeiten auf eine höhere Ebene, ja zur höchsten Vollendung zu bringen, unsere Intelligenz um ein Vielfaches zu steigern, Genie und Selbstverantwortung zu entwickeln.
In allen Kulturen der Welt finden wir daher Modelle, den ganzen Menschen in einzelne Kategorien zu unterteilen. Alle Modelle wurzeln in der Ahnung von Vollkommenheit und dem Bestreben, das höchste Potential freizulegen, Heilung herbeizuführen. Die bekanntesten davon sind: die Klassifizierung in Körper, Seele und Geist; die esoterische Sicht vom physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Körper, die sich an den Ebenen des Energiekörpers orientiert; und die Unterscheidung von Bewusstsein, Unterbewusstsein und Überbewusstsein.
Hier entscheiden uns für die Einteilung des individuellen Selbst in drei Dimensionen, die wir ganz lapidar als „Hohes, Unteres und Mittleres Selbst“ bezeichnen wollen. Die Namen sind ebenso willkürlich wie die Aufteilung. Wichtig ist allein, dass die gewählte Klassifikation das Wesen und die Gesetzmäßigkeiten des Selbst erkennen lässt und uns auf schnellstmöglichem Weg zur Selbstrealisation führt. An sich ist das Bewusstsein ein Kontinuum. Niemand hindert uns daran, es in vier, fünf, zehn oder mehr Teile zu zergliedern und diese mit ganz anderen Begriffen zu versehen. Die Tibeter zum Beispiel, die wohl die differenzierteste Erleuchtungsmethode entwickelten, unterscheiden insgesamt zwölf Bewusstseinsformen. Für die Selbstrealisation indessen genügen drei Kategorien vollauf. Erst die Reise im Gefährt des kosmischen Bewusstseins erfordert einen detaillierteren Fahrplan. Die Bezeichnungen Hohes, Unteres und Mittleres Selbst sind deshalb von Nutzen, weil sie einerseits neutral sind und keine falschen Assoziationen wecken, andererseits an das anschließen, was sich bereits in vielen Weisheitstraditionen als brauchbar erwiesen hat.
Wichtig ist, dass wir die Teile benennen. Auf diese Weise werden sie für uns existent. Am Anfang war das Wort. Die Namengebung ist der Beginn des Schöpfungsaktes. Wohlgemerkt bewegen wir uns dabei im paradoxen Quantenbereich, in dem es gleichzeitig heißt: Du sollst dir kein Bild von mir machen. Um Wahrheit und Wirklichkeit simultan im Auge behalten zu können, und nicht den Fehler zu begehen, die momentane Schöpfung für die einzige Wahrheit zu halten, gilt es, dieses Paradox, jene „göttliche Dichotomie“, stets zu beherzigen. Nur wenn uns das gelingt, lässt sich die Gefahr umgehen, maya, der Illusion, anheim zu fallen.
Daneben lassen die Bezeichnungen „Hohes, Unteres und Mittleres Selbst“ die natürliche Hierarchie erkennen, die den verschiedenen Dimensionen zugrunde liegt. Das Hohe Selbst oder Überbewusstsein stellt die übergeordnete Instanz dar. Eingebettet in das Hohe Selbst ist das Untere Selbst oder Unterbewusstsein. Unser Mittleres Selbst, derjenige Teil unseres Bewusstseins, dessen wir uns tatsächlich bewusst sind, ist bei weitem der kleinste Bereich – praktisch nur ein winziger Fleck innerhalb der unvorstellbar weiten Bewusstseinsfelder des Hohen und Unteren Selbst. Ein bedeutungsvoller Fleck jedoch. Denn nur von hier aus können wir in die beiden anderen Bereiche eintauchen.
Jedes der drei Selbste kann zum einen als autonome Entität mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und spezifischen Funktionen betrachtet werden, zum anderen als Teil des gesamten Selbst. Angesichts des Phänomens der unio mystica ist dieses gesamte Selbst nicht weniger als das All-Eins – im Zustand des Eingefaltetseins. Hohes, Unteres und Mittleres Selbst sind typische Holons: Ganzheiten und Teile zugleich, und wie überall gilt auch im Bereich des Bewusstseins, dass die Wechselbeziehungen das eigentlich Wesentliche sind. Ohne die Eine Bewegung, die David Bohm „Holomovement“ nannte und die wir als Lebensenergie bezeichnen, bliebe alles nur ein toter Plan. Innerhalb der Einen Bewegung indes schält sich jeder Teil als relativ unabhängig, autonom und stabil heraus, und er tut dies vermöge der besonderen Art und Weise, in der er aktiv das Absolute – und demnach alle anderen Teile – in sich einfaltet.
Letztendlich ist es also der innere Bezug zwischen den Teilen des Bewusstseins, auf den es ankommt. Der innere Bezug wird jedoch nur dann deutlich und sinnvoll, wenn das Absolute an die erste Stelle gesetzt wird, während die Teile an zweiter Stelle folgen und zwar in dem Sinne, dass das, was sie sind und was sie tun, wiederum nur im Licht des Urgrunds verstanden werden kann. Der Bewusstseinsinhalt eines jeden Menschen ist eine Einfaltung der Gesamtheit des Daseins, körperlich und geistig, innerlich und äußerlich. Und diese Einfaltung ist aktiv, einfach deshalb, weil sie in grundlegender Weise in die Handlungen eingeht, die wesentlich dafür sind, was ein Mensch ist.
Auf diese Weise ist jeder Mensch innerlich mit der Wahrheit und äußerlich mit der Gesamtheit der Wirklichkeit, einschließlich der Natur und der gesamten Menschheit, verbunden. Da wir holografische Wesen sind, ist jeder Teil von uns ein Verknüpfungspunkt zu allen möglichen Gegebenheiten, die jemals waren und jemals sind. Wir sind das Ganze und gleichzeitig ein Teil davon. Wir sind, wer wir sind, ein substantielles Wesen, ein Körper, gewoben im Netz aus Raum und Zeit in der expliziten Ordnung. Und simultan dazu sind wir der Spiegel von allem, was sich in der impliziten Ordnung befindet. Wir sind immer beides: Identität, sprich Individuum und ALLES, Ganzheit. Die Strukturen unseres Seins stellen buchstäblich Reflexionen der Strukturen des kosmischen Kraftfelds dar. Wir alle sind Projektionen einer einzigen Ganzheit und gleichzeitig projizieren wir alle unsere Wirklichkeit in diese Ganzheit hinein.“
Auszug aus: Christina Kessler: amo ergo sum.
Sonntag, 2. Mai 2010

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