Medusa1
Medusa1
Black Rain oder: Der Beginn des Medusa-Zyklus
Als ich anfing, dieses Bild zu malen, schwebt mir die schwarze Tafel vor, auf der Rudolf Steiner einst seine metaphysischen Ausführungen mit bunter Kreide untermalte. Dann schob sich Fukushima dazwischen.
Das Bild nahm einen anderen Verlauf und, was sich letztendlich auf der Leinwand zeigte, löste in Kombination mit den Bildern von den zerstörten Atomkraftwerken am Meer, in mir die Assoziation der Medusa aus.
In der Wikipedia las ich, dass Fukushima auf Japanisch „Glücksinsel“ (福島市) heißt!
Und weiter las ich, dass nach der griechischen Mythologie Medusa einst eine wunderschöne Frau war, die zur entstellten Gorgonin verdammt wurde, weil sie eine – nach Auffassung der eifersüchtigen Götter – nicht statthafte, erotische Beziehung mit dem Meeresgott Poseidon, eingegangen war.
Dann überlagerten sich in meinem Innern Mythos und aktuelle Ereignisse, zeigten sich Allegoriefetzen: War nicht auf der „Glücksinsel“ ebenfalls die geradezu erotische Faszination des technisch Machbaren – und seine Allmachtsphantasien! – eine illegitime Verbindung mit der unteilbaren Natur (Atom: griech. „Das Unzerschneidbare“) eingegangen, und war diese Beziehung nicht ebenfalls katastrophal gescheitert?
Erhebt nicht nun, wie einst Medusa nach ihrer Entstellung, die entweichende Radioaktivität ihr Gorgonenhaupt und lässt alles erstarren oder flüchten, was in ihr Blickfeld gerät?
Doch damit ist die Geschichte der Medusa nicht zuende. Auch sie unterliegt dem ewigen Zyklus von Werden und Sterben, dem großen Phönix-Mythos. Als der Halbgott Perseus ihr schließlich das Haupt abschlägt, entspringt ihrem Körper Pegasus, das geflügelte Pferd, und schwingt sich auf, den Helden zu neuen Ufern zu tragen.
„Niemand ist frei vom Zyklus. Der Zyklus ist Leben bringend. Das gesamte Leben auf dem Planeten ist zyklisch“, sagte Mario Merz.
Im Schwarzen Niederschlag von Fukushima offenbart sich das endgültige Scheitern der patriarchalen Moderne.
Diese Katastrophe markiert aber auch den Beginn einer neuen Zeitrechnung, in der wir nach einer neuen – legitimen, s.o. – Beziehung zur Natur, zur Biosphäre suchen müssen. Es ist auch die Zeit, in der wir nach einem neuen Platz für den Menschen in der „meta“-physischen Ordnung des Kosmos suchen sollten. Denn letztendlich geht es nicht nur in der Mythologie der alten Griechen, sondern in allen Philosophien und Religionen um genau diese Frage der Verortung: Wo ist der Platz des Menschen? Wo ist mein Platz in diesem unüberschaubaren, gewaltigen Geschehen?
Im Medusa-Mythos nutzt der Held Perseus das abgeschlagene Medusenhaupt als Waffe, um diejenigen, die ihn an der Vermählung mit Andromeda hindern wollen, zu besiegen. Und am Ende nehmen Perseus und Andromeda – samt Familie – als Sternbild ihren „Platz am Himmel“ ein. Wenn das keine Ausssicht ist!
Sonntag, 27. März 2011

0022 | 03/2011
Acryl auf Leinwand
45 cm x 90 cm
zu verkaufen
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